Er trinkt eine Tasse Tee. Das hätte man dann doch nicht erwartet. Den Schnaps bietet er an diesem Nachmittag nur seinem Gegenüber an. Ghazi Barakat ist ein zuvorkommender, geradezu fürsorglicher Mensch. Hier im Bierhimmel, seinem verlängerten Wohnzimmer, ruht er in sich. Ganz anders als auf der Bühne, wo Barakat sich in den vergangenen Jahrzehnten einen legendären Ruf als extrovertierte Rampensau erworben hat.

Seinen Namen mögen nur wenige kennen, aber eine von Barakats vielen Bühnen-Inkarnationen haben viele schon erlebt, die in den letzten 20 Jahren nachts unterwegs waren. Der 46-Jährige ist ein charismatischer Performer, den man nicht vergisst, wenn man ihn einmal live erleben durfte, seine Auftritte sind oft psychologische Grenzüberschreitungen. Früher spielte er Bass bei Stereo Total, in den 90er-Jahren hießen seine Bands Burst Appendix und Golden Showers. Für sein berühmtestes Projekt, die Einmannshow Boy From Brazil, führte Barakat Electroclash und Rockabilly zusammen. Auf die Bühne trat er mal in pinkfarbener Unterwäsche, dann wieder ganz in schwarz. 2008 gründete er schließlich die allerdings nur kurzlebige Garage-Punk-Band The Assassinations.

Sein neuestes Projekt hat er Pharoah Chromium getauft, nach einem Song der Experimentalrockband Chrome. Kaum vorstellbar: Aber Barakat klingt auf seine älteren Tage radikaler und vollkommen anders als je zuvor. Das erste Album von Pharaoh Chromium, „Electric Cremation“ enthält vier knapp 20-minütige Soundcollagen, die Themen wie Islamophobie, die Katastrophe von Fukushima oder Okkultismus verarbeiten. Verstörende Musik – wie der Soundtrack zu einem dystopischen Science-Fiction-Film.

Geboren wurde Ghazi Barakat, dessen Vorname sich „Razi“ ausspricht, 1965 in Frankfurt am Main. Die Mutter ist Deutsche, sein Vater Palästinenser. Der engagierte sich bei der PLO, zunächst in Beirut, dann als ständiger Vertreter bei der UNO in Genf, wo Ghazi zur Schule ging. Später ließ er den Sohn im Nahen Osten militärisch ausbilden, weil das sich für PLO-Nachwuchs so gehörte. Trotzdem war Ghazis Jugend eher westlich geprägt. „Ich war zur selben Zeit Teenager wie Christiane F.“, erinnert er sich, „da gab es nur Drogen als Jugendkultur.“ Doch als dem Vater das Treiben des Sohnes zu bunt wurde, schickte er ihn hinter den Eisernen Vorhang, nach Ost-Berlin aufs Internat. Dort machte Barakat Abitur, trieb sich in der Dichter-und-Dissidenten-Szene herum und  spielte in Punkbands.

Diese verwirrende Biografie mag erklären, warum Barakat so lange fasziniert war von der  Inszenierung von Grenzgängen. Trotzdem war ihm Rock’n’Roll eher Kunst- als Lebensform. „Meine Auftritte waren immer eine Persiflage dieses Rock-Rampensau-Dings.“ Rockmusik, sagt er, ist die einzige relevante Kultur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Hätte ich in den 20er-Jahren gelebt, wäre ich wohl Surrealist geworden.“ Stattdessen hat er sich den Rock „als Medium ausgesucht, um über das Medium zu reflektieren.“

Doch die Posen, die er bisher so leidenschaftlich auf der Bühne aufgeführt hat, funktionieren für ihn nicht mehr: „Es gab mit den Assassinations und manchmal schon bei Boy-of-Brazil-Auftritten Momente, in denen habe ich die Leute angeguckt, die mich angeguckt haben, und es kam mir sehr absurd vor.“ Rock’n’Roll sei ein gefährlicher Beruf, sagt er. „Irgendwann war klar, dass ich nichts mehr davon habe, dass es kein natürlicher Prozess mehr ist.“ Und auch wenn er Mitglied des Berliner Musikerkollektivs Steev Lemercier & The Lala ist: Das klassische Band-Modell funktioniert für ihn nicht mehr.

Sein Ausweg aus dieser Sackgasse ist die Klangforschung, die er allein als Pharaoh Chromium betreibt. Er hat sich einen Musikmaschinenpark angeschafft und lässt sich vom Krautrock inspirieren. „Die Band Ash Ra Tempel habe ich zum ersten Mal vor sechs, sieben Jahren gehört und dachte: Wow, das ist in Berlin entstanden. Die Stadt hat wirklich einen eigenen Sound, der industriell und verkommen ist.“

Jetzt kommt er langsam in Fahrt, der Tee beginnt zu wirken. Barakat erzählt von seinen Entdeckungen, berichtet, wie er die Instrumente weggelassen und sich allein auf Nebengeräusche konzentriert hat, und er schwärmt von einem im supposé Verlag erschienenen CD-Set mit paranormalen Geräuschen und von der Faszination für „den Ansatz, dass Musik einfach da ist. Dass man nichts dafür machen muss“.

Das Ergebnis seiner Experimente hält er für „totale Drogenmusik, die sich nicht mit Drogen beschäftigt, sondern mit Radioaktivität oder brutalistischer Architektur“. Weil Barakat lieber klotzt als kleckert, geht es ihm um nicht weniger als „die Opposition gegen alle Strukturen“. Nun schimmert unter der ruhigen Fassade dann doch der Ghazi Barakat, den man von der Bühne kennt: „Menschen, die auf einer Mission sind“, sagt er ausdrücklich nicht über sich, „die wissen, dass sie wichtig sind“. Er selbst „will nur Makro-Gedanken für ein Mikro-Publikum aufbereiten. Erst durch die Verkleinerung werden die Konturen schärfer.“

Trotzdem wirkt Barakat erstaunlich geerdet. Er ist dankbar, dass er überhaupt noch am Leben ist, zu viele seiner Freunde seien an Aids gestorben. Er ist zufrieden, dass er seit 20 Jahren allein von der Musik leben kann. Obwohl die meisten seiner Projekte nur für die Nische taugen, reicht es meist für die Miete. Manchmal war auch der Zufall auf seiner Seite. So wurde ein Song, den er mit der Band Electrocute für den „SpongeBob-Schwammkopf“-Soundtrack geschrieben hat, von einer argentinischen Keksfirma aufgekauft. Auch am Soundtrack der Berliner Filmproduktion „Lollipop Monsters“ hat er mitgearbeitet. „Solche Jobs liebe ich, weil sie nichts mit mir zu tun haben. Man muss nicht persönlich nehmen, ob es jemand gut findet.“ Als ob es ihm jemals darauf angekommen wäre.

Konzert Pharoah Chromium mit Jochen, Arbeit, Schneider TM u.a., 28.1., 22 Uhr, HBC, Mitte

DJ-Set Pharaoh Chromium: 4.2., HBC, Mitte, Konzert Steev Lemercier & the Lala, 24.2., 23.30 Uhr, Südblock, Kreuzberg